Beim Räumen meines Bücherregals bin ich auf ein altes Buch gestoßen: „Momo“ von Michael Ende. Das Buch hat mich als Kind schon fasziniert und es hat mich heute als Erwachsene in meiner Tätigkeit als Coach wieder zum Nachdenken gebracht und inspiriert.
In einer Welt, die von Geschwindigkeit, Effizienz und permanentem Austausch geprägt ist, bekommt Zuhören als Fähigkeiten einen besonderen Status. Wir sprechen oder schreiben viel, reagieren schnell und die sozialen Medien sind voller Ratschläge – doch wirklich zuhören, gibt es das auch?
Gerade im Coaching zeigt sich immer wieder: Veränderung beginnt nicht unbedingt mit der perfekten Frage, sondern mit einem Raum, in dem ein Mensch sich wirklich gehört fühlt.
Diese kraftvolle Haltung des Zuhörens finden wir in der Figur „Momo“ aus dem Roman von Michael Ende.
Die besondere Gabe von Momo
Momo lebt als Waisenmädchen allein in den Ruinen eines alten Amphitheaters, sie ist weder besonders gebildet noch reich oder einflussreich. Und doch kommen die Menschen aus ihrer Umgebung immer wieder zu ihr. Kinder, Erwachsene, Menschen mit großen Sorgen oder Konflikten setzten sich zu ihr und beginnen zu erzählen.
Warum?
Weil Momo offenbar etwas Besonderes kann: Sie hört zu.
Ihr Zuhören ist mehr als stilles Schweigen. Es ist eine Haltung. Wenn Menschen mit Momo sprechen, fühlen sie sich ernst genommen. Sie werden nicht unterbrochen, nicht bewertet und nicht belehrt. Durch ihr aufmerksames Zuhören geschieht etwas Bemerkenswertes: Die Menschen finden ihre eigenen Gedanken, Lösungen und Einsichten.
Genau hier liegt eine zentrale Parallele im Coaching.
Zuhören als Kernkompetenz im Coaching
Im Coaching geht es nicht darum, schnelle Lösungen zu liefern oder kluge Ratschläge zu geben. Vielmehr geht es darum, einen Raum zu schaffen, in dem Klientinnen und Klienten ihre eigenen Antworten entdecken können.
Aktives, präsentes Zuhören erfüllt dabei mehrerer Funktionen:
- Es schafft Vertrauen.
- Es signalisiert Wertschätzung.
- Es verlangsamt das Denken.
- Es ermöglicht Selbstreflexion.
Wenn Menschen gehört werden, beginnen sie anders zu sprechen. Sie formulieren klarer, denken tiefer und entdecken oft Zusammenhänge, die zuvor verborgen waren.
Viele Coaches kennen diesen Moment:
Während der Klient spricht, entsteht plötzlich eine Pause – und dann sagt sie oder er einen Satz wie: „Ah – jetzt verstehe ich gerade selbst, worum es mir geht, was mir wichtig ist, was die Lösung sein kann…“ oder so ähnlich.
Dieser Moment ist kein Zufall. Er entsteht aus der Qualität des Zuhörens.
Die Haltung hinter dem Zuhören
Was Momo auszeichnet, ist nicht die Technik, sondern eine innere Haltung. Diese Haltung kann auch im Coaching kultiviert werden.
Dazu gehören insbesondere:
- Präsenz
Wirkliches Zuhören bedeutet, mit der Aufmerksamkeit vollständig im Moment zu sein – ohne beispielsweise die nächste Frage zu planen. - Nicht-Wissen
Coaches müssen nicht die besseren Antworten haben. Der Coachee ist der Experte für sich selbst. Es ist meistens hilfreicher, neugierig zu bleiben und sich quasi überraschen zu lassen. - Wertfreie Aufmerksamkeit
Wenn Menschen spüren, dass sie nicht bewertet werden, öffnen sie sich leichter. - Geduld
Manche Erkenntnisse brauchen Zeit. Stille ist dabei kein Problem, sondern ausdrücklich gewünscht als Teil des Prozesses.
Warum Zuhören in unserer Zeit so wichtig ist
Gerade in Zeiten digitaler Kommunikation erleben viele Menschen einen paradoxen Zustand: Sie sind ständig im Austausch und fühlen sich gleichzeitig selten wirklich verstanden.
Im Coaching kann genau hier ein Gegenpol entstehen. Ein Gespräch, in dem nichts optimiert werden muss. Ein Raum, in dem sich Denken in Ruhe und mit Zeit entfalten darf.
Die Figur Momo erinnert uns daran, dass Zuhören nicht passiv ist. Es ist eine aktive Form der Zuwendung, dadurch dass die oben beschriebene Haltung mit ihren Merkmalen aufrechterhalten wird.
Die stille Kraft des Zuhörens
Vielleicht liegt die größte Kunst im Coaching in der Qualität des Zuhörens und die Kunst der richtigen Fragen ist nachgeordnet.
Die Romanfigur „Momo“ zeigt, dass echte Aufmerksamkeit Menschen verändert. Wer sich gehört fühlt, gewinnt Klarheit, Mut und neue Perspektiven.
Zuhören ist viel mehr als eine Methode. Zuhören ist eine Haltung. Es ist vielleicht eine der wertvollsten Ressourcen eines Coaches.
Das Buch „Momo“ von Michael Ende darf in meinem Bücherregal weiter Raum einnehmen und bleiben.
Wer Raum zum Zuhören sucht, darf sich gerne bei mir melden.
